WDR Reportage: Könnes kämpft – Organspende

17. Juli 2015
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Tödlicher Mangel – Der Kampf um Organe

Tödlicher Mangel – Der Kampf um Organe
Die Zahl der Organspenden geht in Deutschland immer weiter zurück. Im Jahr 2014 haben nur 894 Menschen ihre Organe gespendet – ein neuer Tiefststand. Deutschland ist in Europa inzwischen Schlusslicht. Für mehr als 11.000 Patienten, die auf ein Spenderorgan warten, bedeutet das eine Gratwanderung zwischen Leben und Tod, denn sie warten oft jahrelang auf ein passendes Organ.

Hintergrund Organspendenregelung in Deutschland
Die Krankenkassen machen regelmäßig Werbung für die Organspende, in der Hoffnung, dass sich möglichst viele dafür entscheiden. Denn in Deutschland gilt die sogenannte Entscheidungslösung. Jeder kann sich entscheiden, ob nun dafür oder dagegen. In den meisten europäischen Ländern ist das anders geregelt, hier gilt die sogenannte Widerspruchslösung. Das heißt, nur wer aktiv widerspricht, spendet seine Organe nicht. Ein Unterschied mit weitreichenden Folgen.

Organspendeausweis
Wer sich in Deutschland selbst entscheidet und seinen Entschluss pro Organspende durch Ausfüllen eines Organspendeausweises auch bekundet, erspart unter Umständen seinen Angehörigen eine große Belastung. Denn liegt im Falle des eintretenden Hirntodes eines Patienten weder eine schriftliche noch mündliche Entscheidung zur Organspende vor, müssen die nächsten Angehörigen die Entscheidung treffen, ob Organe entnommen werden dürfen oder nicht. Die Hirntoddiagnose wird übrigens immer von zwei voneinander unabhängigen Ärztinnen oder Ärzten durchgeführt, die nicht am etwaigen Transplantationsprozess beteiligt sind. Ein Angehöriger stirbt. In dieser extrem schwierigen psychischen Situation auch noch eine Entscheidung über eine Organspende zu fällen, ist eine enorme Belastung für die ganze Familie. Deshalb sollte möglichst jeder mit nahen Verwandten über das Thema Organspende sprechen und ihnen gegenüber seinen Willen über den Verbleib der eigenen Organe äußern. Sollten Sie Organspender werden wollen, füllen Sie am besten einen Organspendeausweis aus, den Sie immer bei sich tragen.

Hier können Sie einen Organspendeausweis herunterladen.

Kritik am deutschen System
Der Ulmer Transplantationschirurg Dietmar Abendroth spricht über den steigenden Druck, der sich für Chirurgen und Patienten wegen der langen Wartelisten aufbaut. Der Mediziner bemängelt die deutsche Entscheidungslösung, die für die stetig sinkenden Zahlen in Deutschland verantwortlich sei. Außerdem gibt er zu bedenken, dass Transplantieren einen Großteil der Kosten einsparen könne, die während der langen Wartezeiten entstünden. „Die Transplantation ist ohne Frage therapiesparend, also Sie ersparen sich nach der Transplantation Behandlungskosten“, sagt Abendroth. Man könne „für eine Niere zwischen 500.000 und 700.000 Euro rechnen in 10 Jahren, die Sie einsparen“.

Eurotransplant
Die Stiftung Eurotransplant vermittelt die gespendeten Organe in acht europäischen Ländern: Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Slowenien und Ungarn. Durch die gemeinsame Vermittlung der gespendeten Organe soll eine möglichst effektive Versorgung der Patienten auf den Wartelisten gewährleisten. Eurotransplant, mit Sitz im holländischen Leiden, führt in ihren Wartelisten etwa 15.000 Menschen, davon allein 11.000 aus Deutschland. Dass Deutschland im Vergleich mit den anderen beteiligten Ländern seit einigen Jahren am stärksten von dieser europäischen Verteilungspraxis profitiert, möchte die deutsche medizinische Direktorin von Eurotransplant, Dr. Undine Samuel im Interview mit Dieter Könnes allerdings nicht zugeben.

Vergabeprinzipien
78 Transplanationszentren in den Mitgliedsstaaten von Eurotransplant sammeln in einer zentralen Datenbank die wichtigsten Merkmale von allen Patienten, die auf eine Organtransplantation warten. Sobald ein Spender gefunden ist, werden auch dessen Merkmale aufgenommen. Erfährt Eurotransplant von einem eintretenden Spendefall, bestimmt Eurotransplant mit Hilfe eines Computerverfahrens für jedes verfügbare Organ eine Matchliste. Vier Prinzipien sind für die Zuteilung von Bedeutung:

  • Die durch Experten festgelegte Dringlichkeit,
  • der zu erwartete Erfolg nach der Transplantation,
  • die nationale Organaustauschbilanz und
  • die Wartezeit der Patienten.

Das zu erwartende Ergebnis nach der Transplantation wird u. a. anhand der individuellen Merkmale von Spender und Empfänger eingestuft.

Spendenskandale
Mehrere Spendenskandale in Deutschland haben das Vertrauen in die Transplantationsmedizin erschüttert und die Bereitschaft zur Organspende zurückgehen lassen. In einzelnen Transplantationszentren wie in Göttingen, Regensburg, München und Leipzig haben Mediziner Krankenakten oder Laborwerte gefälscht, um ausgewählte Patienten bevorzugt mit Spenderorganen zu versorgen. Als Konsequenz wurde eine Änderung des Transplantationsgesetzes vorgenommen, die Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren oder Geldstrafen vorsieht.

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Autorin: Anja Booth
Kamera: Klaus Sturm, Patrick Maazouz
Schnitt: Niko Respondek